Datenprozession
Lieber Datenprozessoren/innen!
Es freut mich mitteilen zu können, dass wir langsam wieder GANZ sind. Nach der Datenprozession vom Samstag, 31.März 2007 sind die langfristigen Auswirkungen der Reise in die Informationslandschaft noch nicht vollständig abschätzbar. Bei vereinzelten Datenträgerinnen traten unmittelbar danach Muskelkater, Virenerkrankungen (und andere Verwirrungen), sowie Verlustmeldungen von verschiedenen Dingen (Radios, Mobiltelefone, Sackmesser, Geld) auf.
Hotline kontaktieren
Kontaktieren sie im Notfall die Hotline auf Sofatrips.com und beschreiben sie ihr ganz persönliches Krankheitsbild oder konfrontieren sie ihren Arzt
oder Apotheker mit einem Doppelklick. Es wurden und werden nach wie vor auch
jede Menge Daten produziert und verschickt. Im folgenden eine kurze
Übersicht über die Ereignisse.
Was ist passiert?
Die Teilnehmerinnen der Datenprozession fanden sich am 31.März um 14.00 Uhr
im Cabaret Voltaire ein um nach kurzer Vorbereitungszeit mit Dingen und
Handlungsanweisungen ausgestattet zu sein, die Informationslandschaft als
Datenträger zu erfahren. 25 Datenträgerinnen bewegen sich in Tarnkleidung
möglichst unauffällig durch den urbanen Raum der Information und führen den
Prozess aus, sich fortzubewegen, zu schauen, zu ermitteln, fotografieren,
Bücher abholen, sich filmen lassen, zu rudern, sich zu wundern, sprechen,
sich überwachen lassen und allgemein in der Gruppe zu wandern ohne sich
anmerken zu lassen Teil einer Bewegung zu sein.
Der Track startet im Cabaret Voltaire. Es geht über die Netzgrenze im See zum Dock18. Medienkünstler und Aktivisten stellen Projekte vor.
Die Mediengruppe Bitnik.org hat das Projekt und Reisebüro Sofatrips.com im Rahmen der Reihe Hack A Day eingeladen. Mario Purkathofer übernimmt die Prozessionsleitung.
Kultur & Television (TV)
Mit von der Rolle ist Roger Levy, der die Reise in Bild und Ton auf Kultur TV dokumentiert. Die Dokumentation der einzelnen Stationen werden laufend mit den sinnigen Kommentaren von Roger Levy auf KulturTV.ch publiziert
Am Anfang war der Klick.
Bisher haben wir 1.000.000 Jahre geklickt und mit dem nächsten Klick wird
eine E-Mail an die Netzgrenze verschickt und anschliessend beginnt die
Reise, die uns durch die unmittelbare Zürcher Informationslandschaft führt.
Briefe gehören in den Briefkasten
Wir treffen uns am Briefkasten wo ein Mitglied der digitalen Allmend
unbeantwortete Fragen in einem Kuvert einwerft. Der Adressat ist die IFPI
Schweiz und die Antworten auf diese Fragen werden, sobald sie eingetroffen
sein werden, auf www.digitale-allmend.ch publiziert. 50 Millionen Briefe
wurden 2006 in der Schweiz nicht rechtzeitig zugestellt. Grundgenug auch
noch eine Bewerbung um Kulturförderung des Dock18 an das Präsidialdepartment
der Stadt Zürich zu verschicken. Wir geben nicht auf und hoffen auf
Antworten.
Präsidialdepartment der Stadt Zürich
IFPI Schweiz
Digitale Allmend
Dock18
Alpsegen
Am Hechtplatz angekommen packt Olivier Marti seinen selbstgebauten
Radiosender aus, mit dem er Radiowellen hörbar machen kann. Über ein
Audiogerät spielt er einen traditionellen Alpsegen ab und durch seine
Bewegungen mit einem Radioempfänger zwischen Sender, Wellen und Alpsegen
entsteht ein akustischer Raum der Überblendungen, ein Kampf der Frequenzen
und Töne, gehört zu werden. Sich Gehör verschaffen, in einer Welt der unsichtbaren Frequenzen muss nicht immer Glücken und das hat gar nichts mit Murphys Gesetz zu tun. Der Alpsegen hat keinen Platz mehr in der klar definierten Welt der Frequenzraster.
Letzte Meile.
Irgendwo hier muss sie sein. Die letze Meile. Die «Letzte Meile» wird nach
dem Beschluss der beiden Räte allen Mitbewerbern für vier Jahre zugänglich
gemacht. Freie Netze statt Liberalisierung!
Web & Kamera
Am Sechseläutenplatz angekommen, erwartet uns schon die Webcam am Gebäude
der NZZ. 800 km weiter in Dortmund sitzt der Reisende und kontrolliert die
Kamera. Er schiesst Bilder von der Reisegruppe und stellt sie auch gleich
ins Netz.
Timorama.
Fabian Thommen macht währenddessen Aufnahmen mit seiner Videokamera, die er
später mit seiner Software Timorama in Panorama Bilder übersetzen wird. Die
Teilnehmerinnen bewegen sich kreisförmig um die Kamera und zeichnen in die
Erde am Sechseläutenplatz kornkreisähnliche Konturen. Die Bilder werden am
Festival der Medienkulturen ab 4.Mai im Dock18 zu sehen sein. Einen
Vorgeschmack gibt es schon mal hier:
Die Wanze in der Oper.
Nachdem klar war, dass nicht nur im Büro des deutschen
Bundestagsabgeordneten Wolfgang Nešković eine Wanze versteckt ist,
sondern auch in der Zürcher Oper, stellen die Mediengruppe Bitnik und Sven
König ihre Wanze vor, oder zumindest das, was sie übermittelt: Opern! Auf
mitgebrachte Radios, wird eine Auswahl von Zuschauerreaktionen gesendet.
Bisher unveröffentlichtes Material der Opern Live Übertragungen an die
Haushalte der Stadt.
Bücher kreuzen im Pressehaus.
Beim Medienkonzern Ringier holen zwei freiwillige Datenträgerinnen ein Buch
aus dem Büchernetzwerk Bookcrossing.com ab. Auf Bookcrossing.com können
Bücher registriert werden, die dann gekennzeichnet werden und deren Wege so
von Leser zu Leser nachvollziehbar werden.
Kunstraum Bossart.
Im Kunstraum Bossart sind noch Teile einer Installation zu sehen, in der
Polaroids vertont wurden. Die Einfachheit der Installation überzeugt wie
auch die kurze und spontane Demonstration einer Medieninstallation von Sven
König mit dem Titel “On”. Maria Pomansky zeigt ein Video und macht Aufnahmen
für ihr Langzeitprojekt “Faces”. Coming Soon …
Netzgrenze.
In einem Langweidling der Seepfadfinder fahren wir die Netzgrenze entlang
über den See. Die Netzgrenze ist mit Tafeln gekennzeichnet, auf denen die
Netzgrenze signalisiert wird. Die Seepfadfinder weisen die Teilnehmerinnen
in die Technik des Ruderns ein, die gekennzeichnet ist durch die richtige
Taktfrequenz und das simultane Prozessieren des Bootes. Schon früh wollte
man sich in Zürich vor fremden Hochgeschwindigkeitsnetzen, der
bevorstehenden Informationsflut, Spam, Pishing und dem Übel der
internationalen Netzwerke schützen. Rund um Zürich wurden virtuelle
E-Gräben, Feuerwände und Netzgrenzen aufgebaut. Primär sollte damit das
zunehmende Kommunikationsbedürfnis ausländischer Techniker, Touristen und
Künstler in der Schweiz eingeschränkt werden. Durch die zunehmende Bedeutung
der IT Industrie und Telekommunikationsunternehmen in den letzten
Jahrzehnten, wurden die Netzgrenzen obsolet. Projekte wie die
Satellitenanlage Onyx zur Überwachung des Datenverkehrs, der Klick als
Feedback Kontrolle und die Firewall als beliebtes Security Tool zeugen
von jener Zeit.
In den 70er Jahren erging ein parlamentarischer Beschluss, die Stadt Zürich vom Internet abzugrenzen. Man wollte sich so vor Informationsflut, Spam, Pishing und dem Übel der internationalen Netzwerke schützen. Rund um Zürich wurde also eine Netzgrenze gezogen und beschildert. Innerhalb dieser physischen Grenze sollten Glasfaserkabel und Satellitenverbindungen nach aussen unmöglich gemacht werden. Selbst jeder Telefonanruf wurde in dieser Zeit vom eidgenössischen Departement für Landesverteidigung kontrolliert und überwacht. Im Laufe der Jahre verwilderte die Netzgrenze und durch die zunehmende Bedeutung internationaler Konzerne und Telekommunikationsunternehmen wurde die Netzgrenze unterwandert und übrig blieb einzig die Kennzeichnung im See. Geblieben sind auch Subprojekte wie die Überwachungsanlage ONYX, deren Daten nach wie vor an den CIA weitergegeben werden (Die Sonntagszeitung berichtete) und eine Entwicklung der ETH: nämlich die Firewall, die bis heute unerwünschte Eindringle abhalten soll.
Eine genaue Aufarbeitung der Geschichte der Netzgrenze ist
in Arbeit. Für sachdienliche Hinweise bedankt sich die Redaktion!
Züri Valley.
Nachdem wir die Netzgrenze trocken überquert haben, kommen wir an den Toren
des Züri Valley an. Hier am anderen Ende der Netzgrenze am Mythenquai
befindet sich die Seepolizei mit einer Radarüberwachung und einer
steuerbaren Webcam, die vor kurzem auf Grund von Beschwerden aus der
Bevölkerung ausser Betrieb genommen werden musste.
Warwalk.
David Lanzendörfer vom CCC erwartete uns hier mit einem Wardrive Kit und
zeichnet ab hier den gesamten Datenverkehr auf, der durch die Luft schwirrt.
In den sensiblen Daten kann einiges herausgelesen werden, sofern man sie
entschlüsseln kann. So kann zum Beispiel das Vorüberfahren von
Strassenbahnen herausgelesen werden, weil selbst der öffentliche Verkehr
ständig Datenpakete verschickt, um der Zentrale mitteilen zu können, wo sich
die Fahrzeuge gerade befinden und ob sie überhaupt noch in Zürich sind, oder
schon in die Ukraine verschickt wurden.
Microsoft.
Ein Brief mit dem Titel “Letter to a Hobbiest” von Bill Gates aus dem Jahr
1976 wird einem Mitarbeiter von Microsoft überreicht. In dem Brief versucht
Gates zu beschreiben, warum Menschen für Software bezahlen sollten und legt
damit den Grundstein für unermesslichen Reichtum und beendet eine Ära in der
Software frei zugänglich war für alle. Die Entwicklung von Software wurde ab
diesem Brief zu einem Geschäftsmodell, was sich bis dahin kaum jemand
vorstellen konnte.
Beim Provider im Keller
Im Keller des Providers Cyberlink können erste Eindrücke von Servern
gewonnen werden. Hier befindet sich auch ganz physisch das Konto der
elektronischen Mailbox netzgrenze AT cyberlink.ch. Die versandte E-Mail aus
dem Cabaret ist also hier angekommen und auch diese Nachricht wird von hier
an dich weiterprozessiert.
Kaffee & Pause.
Eine Kaffeepause wird spontan eingelegt, da die klimatischen Bedingungen
nicht ganz dem bestellten Reisewetter entsprechen.
Postcard.
Bei den Schliessfächer der Post in der Enge versammeln sich die
Datenreisenden, um den Erläuterungen rund um die Sicherheitslücken der
Schweizerischen Postcard von Bernd Fix beizuwohnen. Mit 2′500′000 Benutzern
gehört die Postcard zu den gebräuchlicheren Debit-Karten; pro Jahr werden
damit Waren, Dienstleistungen und Bargeld in Höhe von rund CHF 8′000′000′000
(acht Milliarden) in insgesamt über 750′000′000 Einzeltransaktionen
umgesetzt.
Parsifal, Wagner.
Im Tram Nr. 5 geht es weiter zum Dock18. Endstation Laubegg und 400 Schritte
weiter sind wir im Dock18 Raum für Medienkulturen. Die strapazierten
Datenträgerinnen geniessen hier die Kopie des Menüplans der Oper an diesem
Abend. Es gibt Weisswürste mit Kartoffelsalat und süssem Senf. Simultan
wohnen wir der Live übertragung von Parsifal aus der Zürcher Oper bei. Als
wir ankommen, empfangen wir über die Anlage der Mediengruppe Bitnik und Sven
König den Applaus nach dem 2.Akt. Während die Opernbesucher Weisswürste
essen, machen wir das auch und begehen damit eine Urheberrechtsverletzung.
Denn rechtlich gesehen sind Weisswürste mit Kartoffelsalat ein
urheberrechtlichgeschützte Nahrungsmittel, die an diesem Abend nur von den
hochkulturellen Opernköchen zubereitet werden dürfen … Die Folgen dieser
Verletzung der Eigentumsrechte der Oper müssen erst mit den Anwälten
besprochen werden. Geschmeckt hat es allemal.
Dock18 Raum für Medienkulturen
Das Dock18 ist ein Raum für Medienkulturen mit Monatsprogramm. Das Veranstaltungsprogramm beherbert regelmässige Meetings
des CCC, Digitale Allmend, Nodus Informationstreffen, Trash.net,
Ausstellungen von Wildprovider.ch, elektronische Musik und Konzerte von
Anorg.net, SHARE Jam Sessions, Workshops der SGMK und SheGeeks, Church of
Noise, u.v.a. Nächste Ausstellung “Docking Stations” ab 4.Mai ab 19 Uhr.
Hier werden auch Teile des Sofatrips vorgestellt, wie z.B. die Bilder von
Fabian Thommen …
Dock18.ch
You will see what you get.
Fernmeldegesetz.
Am Folgetag, den 1.April, tritt das neue Fernmeldegesetz in Kraft und damit
auch das Ende der Vorwahl 01.
Mehr Informationen
Mehr Infos zur Reise und allen Beteiligten sowie weitere geplante Reisen und
Projekte findet ihr unter www.sofatrips.com Sofatrips.com. Ein Projekt von Wildprovider.ch
http://www.sofatrips.com